Nach acht Tagen Trekking sind im Makalu Basislager, dem sogenannten Hillary Basecamp, angekommen und nach einem Ruhetag sind wir durch eine trostlose Geröll- und Gletscherlandschaft weiter ins vorgeschobene Basislager (ABC) auf 5650 m aufgestiegen.
Ach ja, ich habe “uns” noch gar nicht vorgestellt: Wir, das sind Luis (Expeditionsleiter) und Alix aus München, Joe (Arzt in der Sportklinik in Stuttgart), Steffi (Ärztin in Agatharied, Bayerische Voralpen) , Arthur und Klaus aus Südtirol, Christoph, Helga und Jürgen aus Ulm und um Ulm herum, Anja (Frankfurt) und ich. Mehr zum Team findet Ihr auch auf Luis’ Website goclimbamountain.de.

Das Team
So wie bei allen Höhen- und Positionsangaben sind sich die Landkarten auch hier nicht so ganz einig: der Höhenmesser (Baro) zeigt 5480m, das GPS (Garmin Dakota 20 mit barometrischem Höhenmesser) 5650 und die Landkarten liefern zwischen 5500 und 5700. Egal: Wir sind hier und müssen ganz schön schnaufen.
Doch zunächst ein kleiner Rückblick auf die vergangenen Tage:
Nach kurzem Flug von Kathmandu bis Tumlingtar ging es von der staubigen Landepiste noch staubiger per Geländewagen weiter, was angesichts der subtropischen Temperaturen auf 500 Meter Meereshöhe aber ganz angenehm war. Es war ein Trip mit den üblichen Verzögerungen: Zwei Stunden Verspätung des Fluges, und dann war der Typ mit den Jeep-Schlüsseln noch eine Stunde verschwunden. Aber irgendwann kam er und alles war gut – sofern man dieses Attribut bei den vorherrschenden Straßenverhältnissen verwenden möchte. Denn die “Straße” ist nagelneu und es ist noch nicht jeder Felsblock aus dem Weg geräumt. Sie wird in den nächsten Jahren noch weiter vorangetrieben: Ein Stromkonzern plant einen Damm, um den Arun aufzustauen und dafür benötigt man natürlich Straßen. Außerdem soll es eine Verkehrsverbindung zwischen China und Indien geben. Damit wird die Region des Makalu Barun Nationalparks und der Makalu Basecamp-Trek wohl eine touristische Blüte erleben. Mir graut bei der Vision eines Stausees mit Tretbootverleih, Chickencurrybude und Makalu-View-Sightseeing…
Aber noch ist die Region wesentlich unberührter als das erschlossene Khumbu-Gebiet Richtung Everest. Und das spüren wir auf Schritt und Tritt. Im kleinen Dorf Chichila war für die Jeeps Endstation. Ab hier geht’s zu Fuß weiter. Das heißt auch: umpacken der Ausrüstung, aufteilen der Lasten auf die Träger und übergeben der Spendenausrüstung. Die Hanwag-Bergstiefel gehen an diejenigen, die bis ins ABC mitgehen und dort bleiben, wie etwa der Koch und ein Guide. Eis, Schnee, Geröll: Das erscheint noch sehr, sehr weit weg. Hier in Chichila ist man mit Sandalen besser bedient.
Auch die nächsten Tage, die uns von 1500 m hinunter zum Fluß Arun (700m) und durch wunderschöne Urwälder wieder hinauf führen, sind sehr entspannt. Die Etappen sind relativ kurz; wir mit unseren leichten 10 Kilo-Rucksäcken können es genießen. Die Träger leisten für unsere Begriffe schier Unglaubliches! Sowohl was die transportierten Lasten betrifft als auch die Art und Weise, wie sie das tun: Sie befestigen einen Riemen am Gepäck und legen ihn sich um die Stirn. Damit heben sie sich die Last auf den Rücken. Ich habe einmal versucht, die Ladung unseres “Eiermanns” (ich weiß nicht, wieviele hundert Eier er mit sich schleppt!) mit dem Kopfriemen vom Boden wegzubekommen. Es gelingt mir zwar nach einigen Versuchen, aber ich renke mir dabei schier den Nacken aus. Keine Ahnung, wie die Jungs und Mädels (richtig: Es sind einige Frauen in der Trägermannschaft dabei!) das über Stunden hinweg bewerkstelligen und dabei so unglaublich trittsicher unterwegs sind.

Blümchen für Steffi
Langsam windet sich der Weg höher. Nach einigen Tagen wird es alpiner und wir stellen von leichten Halbschuhen auf
Bergstiefel um. Die erste alpine Etappe zum Shipton La auf 4200 m (La bedeutet “Pass”) führt nordseitig über Schneefelder hinunter. Die Berge liegen in Wolken. Theoretisch ist von hier aus der Makalu zu sehen. Aber selbst bei gutem Wetter ist es jetzt im Vormonsun sehr diesig. Wir wandern einem unsichtbaren, fernen Ziel entgegen. Das macht aber nichts, denn der Weg führt durch wilde Urwälder, entlegene Ansiedlungen mit sehr, sehr freundlichen Menschen und wunderschöne blühende Rhododendron-Wälder.

Spuren des Yeti?

Nein: Ein Träger auf dem Rückweg vom Shipton La...
Nach dem Abstieg ins Barun-Tal auf 3200 m folgen kurze, aber steilere Etappen, die uns ruckzuck höher bringen: 3600, 4400, 4900. Und schon sind wir in einer hochalpinen Wüste, umgeben von Schuttfeldern, riesigen Moränen und gewaltigen Eisbrüchen. Und alles überragt von der Sudwand des Makalu, der direkt vor uns aufragt. Ich lege den Kopf in den Nacken und blicke hinauf zum Gipfel, 3500 Meter höher. Der Westgrat begrenzt links des Berg, in dessen Ostseite sich vom eisigen Höhensturm die Wolken fangen. Dort oben bläst’s gscheit! Und da wollen wir hoch! Zwar nicht durch die monströse S-Wand, aber der Gipfel ist ja derselbe…
Luis, Joe und ich erkunden noch unseren weiteren Weg zum vorgeschobenen Basislager (ABC), den wir nach einem Ruhetag in Angriff nehmen. Er zieht sich end- und weglos an Moränenrücken entlang um den halben Berg herum, um dann nach Norden zum Chago-Gletscher abzubiegen. An der Gletscherzunge auf ca. 5650 Metern richten wir dann unser stationäres Basecamp ein.
Am Nachmittag haben wir eine kleine Akklimatisationstour bis zum ABC der britischen Expedition auf ca. 5600 m unternommen. Die Briten versuchen zum dritten Mal den SO-Grat. Wir drücken ihnen die Daumen, dass es diesmal klappt.
Nach sechs Stunden Gehzeit haben wir gestern unser ABC erreicht. Schnell die Zelte aufgebaut, Kopfschmerzen bekommen und ab in die Heia. Heute war großer Basteltag: Wir haben bei Neuschnee und knallendem Sonnenschein das Gemeinschaftszelt und die Infrastruktur eingerichtet: Elektrik, Solarpanels, Klohäuschen, Duschkabine… In den nächsten Tagen rücken wir dem Berg näher und werden das erste Mal die Steigeisen auspacken.

Makalu Südwand vom BC, vorne: Steffi, Klaus und Arthur