Ruhetag

2. Mai 2010

Luis hat am morgen bei Sonnenschein die Zelte freigeschaufelt und sich auf dem Weg nach unten mit allen aufsteigenden Expeditionen verratscht. Zum Mittagessen ist er wohlbehalten zurück im ABC. Wie üblich scheint die Sonne und Vormittags weht fast kein Wind. S.o.: Duschen, Wäschewaschen usw.

Im Laufe des Tages besprechen wir das weitere Vorgehen: Der Makalu La ist ein Prüfstein für alle Expeditionsmitglieder. Es waren noch lange nicht alle auf 7000 Metern Höhe und die Versicherungsarbeit raubt zusätzlich Kräfte. Bis jetzt reduziert sich die Arbeitsleistung auf einige wenige. Wir legen zwei Ruhetage ein und versuchen dann ab dem schönen ersten Mai in einem Rutsch das ALLERLETZTE Stück zum Pass zu versichern, währen Singhi und Nima die Zelte hinaufschaffen, damit wir dort übernachten können. Wenn es soweit ist, sondieren wir das Gelände nach oben in die (weit entfernte) Gipfelregion. Der Wetterbericht ist nicht rosig: zwar wärmer, aber windig. Wärmer heißt minus 16. Dass bei minus 16 Grad ein kräftiger Wind ruckzuck über Sein und Nichtsein entscheiden kann, stimmt wenig tröstlich. Dafür gab es gerade eben einen traumhaften abendbesonnten Blick auf die umliegenden Berge. Und das motiviert ungemein!

Abstieg zum Erfolg

2. Mai 2010

Der nächste Tag. Same Procedure. Den Unterschied machten am Vorabend der „Fischtopf Rügen“ statt Bolognese aus dem Hause Reiter und die Tatsache, dass mir eine Ibuprofen und etwas Nasentropfen eine atmende und mit viel Schaf durchsetzte Nacht bereitet haben. Ich wache gut erholt auf. Am Abend zuvor haben wir noch per Funk die Startzeit für heute auf neun Uhr s.t.  festgelegt. Die Temperaturen sind frischer als gestern und ich greife das erste Mal auf Susi zurück, was sich später als eine sehr gute Wahl herausstellt. Nach dem Geburtstagsständchen für Klaus, der heute 37 wird, geht’s um halb zehn s.t. los. Es ist komisch: Gestern lief der Motor ohne Psychounterstützung gut, heute bin ich wach, aber die Maschine spotzt. Auch Luis und Singhi sind heute nicht fit. Anstrengend und unglaublich zäh geht es bergauf: Schneefeld-Spalte-Schneefeld-Felsband-Schneefeld. Ich folge Joe über das Schneefeld bis zum nächsten, abschließenden Felsriegel vor dem ersehnten Shangri-, Pardon, Makalu La. Um die Sonne über uns hat sich inzwischen ein gigantischer Halo gebildet, untrügliches Zeichen für baldiges schlechtes Wetter. So ist es dann auch.

Wir erreichen unser Materialdepot vom Vortag und gleichzeitig kommen Schneefall und Wind auf. Nachdem Luis etwas zurückliegt, beginnt Joe mit der Versicherung im Blankeis, das mittlerweile von einer dünnen Schneeschicht bedeckt ist. Ich harre am Depot aus und lasse mich einschneien. Die 800 Gramm Daune zwischen mir und dem Schnee machen die Sache eigentlich recht gemütlich… Luis schließt zu Joe auf und übernimmt als Routinier das Vorsteigen. Als auch das Seil von Joe aufgebraucht ist, steige ich am Fixseil nach und hole meine Seilvorräte aus dem Rucksack. Ich sichere Luis, damit Joe absteigen kann. Immer noch hege ich die Hoffnung, heute endlich bis zum Pass zu kommen. Als sich das Seilende nähert und ich Luis Bescheid schreie, seilt er jedoch ab und wir treten den Rückzug an. Wind und Schnee zehren außer der Höhe von rund 7300 Metern an den Kräften. Während Luis entschwindet, bessere ich den Stand nach: Einer der geschlagenen Haken hatte sich in der Zwischenzeit gelöst und baumelt in den verworrenen Schlingen. Ich fixiere das Bündel mit dem Seil von oben und seile ebenfalls ab. Im Gegensatz zu gestern ist dies horrend anstrengend.

Verkabeln des Berges

Ich merke, wie ausgelaugt ich bin. Aber der Autopilot funktioniert und alle Handgriffe – Karabiner einhängen, Achter einlegen, Karabiner aushängen, Halten, Seil laufen lassen – funktionieren wie von selbst. Ich bin beruhigt, als ich bemerke, dass ich alle sicherheitsrelevanten Abläufe – ebenfalls wie von selbst – immer noch einmal kontrolliere, bevor ich sie ausführe. „Abstieg zum Erfolg“: Wir waren zwar nicht oben, aber sicher unten anzukommen bedeutet mir mehr als sicher oben anzukommen. Nach (gefühlt) endloser Abseilerei, während derer ich im Schneetreiben unter mir niemanden mehr gesehen habe, schließe ich am letzten Schneefeld zu Luis auf. Auch wen mir klar war, dass alles passt, ist es irgendwie beruhigend, wieder zu zweit zu sein. Zurück in C2 entschließt sich Luis, noch einmal hier oben zu übernachten. Er hat keine Lust mehr, sich umzuziehen und dann bei einbrechender Dunkelheit abzusteigen.

Ich schließe mich den beiden Sherpas an: Sie wollen auf jeden Fall zum ABC zurück. Der Gedanke, heute völlig zerstört hier bei Tütenfutter in der Kälte zu liegen, während unten Klaus seinen Geburtstag feiert, ist unerträglich. Ich mache kurz Pause, ziehe mich um (Susi bleibt oben) und trinke ein paar Tassen Tee, die mich erstaunlicherweise wieder auf die (also meine eigene) Höhe zurück bringen. Der Abstieg verläuft schnell und problemlos. Der Gletscher ist zwar leicht überzuckert, hat aber lange nicht so viel Schnee bekommen wie die Gegend ein paar hundert Meter weiter oben, zugewehte Spalten sind kein Thema. Ab dem Blockgelände stolpern wir im Licht der Stirnlampen nach unten und ich bin Singhi und Nima für die Wegfindung sehr dankbar. Auch nicht viel langsamer als sonst laufe ich gerade rechtzeitig zur
Suppe im Dome ein. Großes Hallo und Williams-Geburtstagsschnapserl!

Marshmellowmen Jo und Klaus

Abstimmungsprobleme und anstrengende Vorarbeiten

1. Mai 2010

Nach einem Ruhetag mit heißer Dusche (mit aktiv-manuellem Pumpsystem und naturgesunder Vital-Klima-Duschkabine), Wäschewaschen und exquisitem Nepali-Essen haben wir uns für die nächsten zwei Tage wieder den Makalu La vorgenommen. Der windumtoste Lagerplatz auf 7400 m Höhe ist ein  entscheidender Zwischenstop auf dem Weg zum Gipfel. Aber erstmal hinkommen! Ein Stück haben wir ja bereits fixiert und wir sind zuversichtlich, dass wir die verbleibende Strecke an einem Tag hinter uns bringen können. Ich hab immerhin schon mal eine (a…kalte) Nacht im Lager2 auf 6800 verbracht und hoffe, damit gute Voraussetzungen zu haben, bis zum Pass steigen und an der
Versicherung mitarbeiten zu können.

Wellness-Dusche im Höhenkurort

Luis hat mit den anderen Expeditionsleitern (es sind außer uns am Berg: eine Ami-Aussi-Exped, eine multi-kulti-Exped, eine Französisch-Amerikanische, eine Mini-Ami-Exped) ein kleines Meeting einberufen, um das weitere Vorgehen am Berg zu besprechen und ggf. abzustimmen. Schließlich haben wir eine Woche Arbeits- und Akklimationsationsvorsprung und wir würden uns   für unsere Leistung (die die anderen ja später in Anspruch nehmen werden) über eine gewisse Unterstützung freuen. Dies wird auch beschlossen: Die anderen sichern uns zu, Fixseile nach Lager 2 zu bringen, die wir dann für die Versicherung zum Makalu La verwenden können. Das spart uns den Transport der Seile und ist dadurch eine große Hilfe.

Unser Plan ist, in zwei Gruppen das Ding zu versichern, so dass die beiden Climbing Sherpas Singhi und Nima die Zelte hinauf transportieren können. Der Weg nach C1 ist ungewohnt belebt. Die Karawane der französich-amerikanischen Expedition schlängelt sich den Gletscher hinauf. Trotz fehlender Akklimatisation legen sie ein recht flottes Tempo an den Tag. Ihre  Kopfschmerzen möchte ich nicht haben… Das C1 ist um mehrere Zelte angewachsen. Leider müssen wir nun erfahren, dass die Gruppe um Fabrizio Zangrilli doch kein Seil wie ausgemacht auf C2deponiert hat. Auch die andere Expedition hat lieber drei Stunden lang eine Alternativroute durch das Spaltengebiet gesucht und mit den 200 m Fixseil verkabelt, die eigentlich für unsere weitere Arbeit bestimmt war. So ist das anscheinend an den großen Bergen: Viele Wichtigtuer machen viel Wind, um sich dann in dünner Luft aufzulösen. Auf  Absprachen kann man sich nicht verlassen. Der Gipfel überschattet alles. Schlecht gelaunt brechen wir vollbepackt von C1 nach C2 auf, nachdem wir vier Zelte abgebaut haben, die wir ein Stockwerk höher benötigen. Relativ problemlos kommen wir nach insgesamt rund sechs Stunden (ab ABC) im C2 an. Was mir den Rest gibt, ist das  anschließende Buddeln der zusätzlichen Zeltplattformen. Ich bin platt. Spaghetti Bolognese aus der Tüte schmeckt in Anbetracht der Umstände extrem gut.

Die Nacht immerhin wird zwar schlaflos, aber warm. Das liegt an Joe und Susi, mit denen ich das Zelt teile. Joe sorgt für die menschliche Wärme (bitte nicht falsch verstehen: Zwei Leute im Zelt heizen die Bude einfach mehr auf als einer alleine), Susi hat ihren Namen von Joe bekommen und ist mein Daunenanzug, der den Rest des Zeltes ausfüllt. Die ersten zwei Stunden des Abends liege ich pflichtgemäß wach im Schlafsack, während der Gaskocher faucht und mit mäßigem Erfolg Schnee in Trinkbares verwandelt. Die restlichen  zehn Stunden der Nacht erwarte ich den Morgen.

In kalter Frische beginnen Joe und ich den Tag und schmeißen um 7 den Kocher an. Bis 9 Uhr liefert er uns ausreichend Flüssigkeit für Bananenmilch, Müsli und die Tagesration Wasser. Ein kurzer Blick auf das Wetter lässt im hintersten Bewusstsein zumindest ein paar Glücksgefühle aufkommen: Gegenüber präsentieren sich Lhotse und Everest wolkenlos. Kurz die Kamera gezückt und wieder Rückzug in den Schlafsack.

Aber irgendwann müssen wir raus. Schon das Anziehen raubt mir jede Kraft. Noch bevor ich die Schuhe anhabe, schnaube ich wie ein Walross auf dem Trockenen. Irgendwie schaffe ich es, mich in Schale (Gurtzeug, Susi, Rucksack) zu werfen. Als die Sonne ihre ganze Kraft entfaltet (von minus 20 auf gefühlte plus 30 Grad in nur zwei Minuten) macht mir Susi klar, dass sie heute zu heiß für mich ist. Also wieder umziehen und ab in die Gore-Kluft. Die anderen (Joe, Luis, Jürgen, Helga und die beiden Sherpas) gehen schon los Richtung Felsband. Um zehn ist der versulzte Kraftstoff in meinen Speichern angewärmt und der Diesel zündet. Untertourig und mit Geländeuntersetzung bewege ich mich nach oben. Sowas von lahm. Aber stetig. Nach gar nicht allzu langer Zeit habe ich die anderen eingeholt. Meine physische Verfassung scheint also zumindest nicht besorgniserregend schlecht zu sein. Meine Psyche meldet etwas anderes.

Sehr anstrengend geht es das Schneefeld unterhalb der Felspartie hinauf, dann ins Mixed-Gelände aus großen Granitblöcken mit Blankeis dazwischen. Selten kann man im Schnee hinaufstapfen. Dem Gehstil der Climbing Sherpas kommt das Eis- und Schneegelände entgegen: Sie rennen förmlich mit einer Mords-Schrittfrequenz hinauf, um sich dann wieder auszuruhen. Ganz anders wir, die wir in einem sehr langamen, dafür aber stetigen Tempo aufsteigen. Das kombinierte Gelände, in denen sie kein Intervall-Renntempo anschlagen können, macht die Climbing Sherpas jedoch fertig.

Prinzip Polarfuchs: Sich einschneien lassen

Nach zweieinhalb, gefühlten vier Stunden kommen wir am Schneefeld über dem Felsband an. Dieses ist nicht wie gedacht 150, sondern 250 Meter lang. Joe übernimmt die Seilarbeit, während Jürgen absteigt. Er hat sich bei den gestrigen Schaufelarbeiten verausgabt. Luis und ich richten am Ende des Schneefelds bereits zwei Fixpunkte ein, an denen wir ein Materialdepot anlegen. Singhi und Nima haben echt gebuckelt und einiges dabei! Da es sehr windig und kalt geworden ist, beschließen wir, die Aktion am Folgetag zu vollenden und steigen bzw. seilen in 40 Minuten zum Lager 2 ab. VIERZIG MINUTEN! Na, wenigstens geht der Abstieg schnell!

Erfolg am Sarmiento

26. April 2010

Wir – das sind Extrembergsteiger Robert Jasper, Bergführer Jörn Heller und ich – haben unsere Expedition zum  Monte Sarmiento, dem „weißen Berg von Feuerland“ , erfolgreich beendet und sind wohlbehalten zurückgekehrt. Für mich war es der vierte Anlauf den Monte Sarmiento zu besteigen.

Am Ende der Welt, südlich der Magellanstraße, steht ein Berg, der bereits Charles Darwin als das „erhabenste Schauspiel Feuerlands“ in seinen Bann zog: Der Monte Sarmiento.

Weit von jedweder menschlicher Zivilisation entfernt und nur mit dem Schiff zu erreichen, hüllt sich der Berg meist in dicke Wolken. Die berüchtigten „roaring fourties“,  mit ihren Stürmen und schlechten Wetter vereitelten schon so manchen Besteigungsversuch.  Umso schöner ist das Gefühl, es endlich geschafft zu haben. Einer von nur ein paar wenigen Bergsteigern zu sein, die überhaupt je auf dem Gipfel standen.

Ausgangspunkt der Expedition war Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt, am Beagle-Kanal. Von dort aus segelten wir auf einer kleinen Yacht, der 16 m langen Tari II, mit Skipper „Micki“ Fischer und seiner Crew,  dem rund 300 Seemeilen (500 km) entfernten Ziel entgegen. 11 Tage dauerte die Seefahrt durch die bewegten Gewässer bei Kap Horn, bis die Basis des Berges, die Bucht Caleta Escandallo, erreicht war.

Dort angelangt stellten sich uns zunächst zwei Hindernisse entgegen: Der dank durchschnittlich 6000 mm Niederschlag pro Jahr (10 Mal so viel wie in Deutschland) üppig wuchernde Regenwald und die bis ins Meer fließenden Gletscher. Mit viel Mühe fanden wir einen Weg durch Dschungel und Gletscherspalten, es fehlte jedoch weiterhin die entscheidende Schönwetterphase  für einen Gipfelversuch. Nachdem drei  Anläufe in schlechtem Wetter scheiterten,  drehte der Wind am 01. April auf Süd, eigentlich ein  gutes Zeichen.  Trotz weiterhin grauer Wolken stiegen wir auf, mussten uns allerdings auf  halber Höhe den schlechten Wetterverhältnissen beugen: Bei Schneesturm und in dem gefürchteten „White Out“ gruben wir uns in einer Schneehöhle ein. Auf Wetterbesserung hoffend wurde der Höhleneingang alle zwei Stunden freigeschaufelt, zum einen um nicht zu ersticken und zum anderen um das Wetter zu beobachten.

Am 02. April  gegen 4 Uhr blinkte der erste Stern durch die Wolken, der weitere Aufstieg wurde in Angriff genommen. Noch in der Nacht ging es durch gewaltige Spaltenzonen in die bis dato unbezwungene Nordwand des Monte Sarmiento. Eisige Kälte und senkrechter, haltloser Anraumschnee machte uns schwer zu schaffen. Doch nach langer und komplizierter Kletterei erreichten wir gegen Mittag den Westgipfel des Monte Sarmiento (2145m). Als Reminiszenz und Hommage an den bekannten Seefahrer und Entdecker tauften wir die im Alpinstil erstbegangene Route „La Odisea de Magellanes“ („Die Odyssee Magellans“). Wir bewältigten dabei allein im Aufstieg eine Strecke von ca. 20 Kilometern und 3000 Höhenmetern, die Schwierigkeiten erreichten im Eis WI 4+. Auf- und Abstieg (vom Boot in der Caleta Escandallo gesehen) dauerten 39 Stunden.

Nach einer weiteren Woche auf See erreichte unser Expeditionsteam wohlbehalten und glücklich am 10. April den Hafen von Punta Arenas in Chile.

Weitere Infos und natürlich Bilder finden Sie auf meiner Website

Höher und höher …

26. April 2010

Das ABC ist inzwischen Heimat, und über einer ersten Steilstufe haben wir auf einer verspalteten Hochfläche Lager 1 (ca. 6300m) errichtet. Den Weg vom ABC zum Lager 1 haben wir bereits einige Male zurück gelegt und es geht immer besser (und schneller). Akklimatisation ist hier einfach alles und davon hab ich inzwischen einiges abbekommen: Spannend war die vorletzte Nacht auf Lager 2, das sich auf 6800 m befindet. Aber die Nacht brachte weder Kopfschmerzen noch sonstige Anzeichen einer Höhenkrankheit. Weniger schön waren die Temperaturen von minus 20 Grad im Zelt, die meinen leichten Schlafsack doch ein wenig überforderten. Aber was nicht tötet, härtet bekanntlich ab – diese Hofnung hält einen die zehn Stunden über Nacht am Leben. Trotzdem werde ich das nächste Mal meinen nagelneuen Daunenanzug-Prototypen (den mir Carinthia extra für diese Expedition angefertigt hat!) mit in den Schlafsack nehmen…

Tagsüber haben wir dann Fixseile durch eine wunderschöne kombinierte Fels-Eisflanke bis auf 7100 m gelegt. Das bedeutet übrigens einen persönlichen Höhenrekord für mich! Ich habe es natürlich im Gegensatz zu manchen Mitbergsteigern leicht: Die meisten sind schon auf 8000er Gipfeln gestanden. Ich kann hingegen bei jedem erneuten Aufstieg einen Erfolg verbuchen und besteige praktisch jeden dritten Tag einen Sechs- oder Siebentausender

:-)

So langsam geht die reine “Gletscherhatscherei” in echtes Bergsteigen über. Am Ende der kombinierten Wand wartet der Makalu La (La bedeutet “Pass”), wo wir auf 7400 m das nächste Lager errichten werden. Das gehen wir ab morgen an. Man könnte die Wand zum Makalu La auch im Alpinstil besteigen. Doch dann hätte man im Notfall ein Problem, wieder schnell in gesündere Regionen zurückkehren zu können. 7400 sind schon mal kein Pappenstiel; am Makalu aber nur ein Schritt bis zum letzten Hochlager (ca. 7800) und dem Gipfel (8463).

Aufstieg Richtung Makalu La, hinten Everest (rechts) und Lhotse

Inzwischen sind einige andere Expeditionen im ABC angekommen. Die “Arbeit” am Berg (Seile fixieren usw.) bleibt zunächst an uns hängen, da wir über eine Woche Akklimatisationsvorsprung haben. Andererseits: Alle anderen Gruppen haben eine Menge Hochträger (Climbing Sherpas) dabei, die man ja einspannen könnte… teilweise kommen bei den anderen Expeditionen auf jeden Bergsteiger ein persönlicher Sherpa! Ich frage mich, warum sich die Leute das antun: Warten, bis der Sherpa das Seil gelegt, warten, bis er das Zelt aufgebaut und warten, bis er das Klopapier bereitgelegt hat. Unser Ding ist das nicht, wenn auch die Sache mit dem Klopapier eine existentielle Dimension annehmen kann.

Schmeckts? Essen im Sturm (und gottseidank im Zelt) in Lager 1

Ankunft im Basislager des Makalu

14. April 2010

Nach acht Tagen Trekking sind im Makalu Basislager, dem sogenannten Hillary Basecamp, angekommen und nach einem Ruhetag sind wir durch eine trostlose Geröll- und Gletscherlandschaft weiter ins vorgeschobene Basislager (ABC) auf 5650 m aufgestiegen.

Ach ja, ich habe “uns” noch gar nicht vorgestellt: Wir, das sind Luis (Expeditionsleiter) und Alix aus München, Joe (Arzt in der Sportklinik in Stuttgart), Steffi (Ärztin in Agatharied, Bayerische Voralpen) , Arthur und Klaus aus Südtirol, Christoph, Helga und Jürgen aus Ulm und um Ulm herum, Anja (Frankfurt) und ich. Mehr zum Team findet Ihr auch auf Luis’ Website goclimbamountain.de.

Das Team

So wie bei allen Höhen- und Positionsangaben sind sich die Landkarten auch hier nicht so ganz einig: der Höhenmesser (Baro) zeigt 5480m, das GPS (Garmin Dakota 20 mit barometrischem Höhenmesser) 5650 und die Landkarten liefern zwischen 5500 und 5700. Egal: Wir sind hier und müssen ganz schön schnaufen.

Doch zunächst ein kleiner Rückblick auf die vergangenen Tage:
Nach kurzem Flug von Kathmandu bis Tumlingtar ging es von der staubigen Landepiste noch staubiger per Geländewagen weiter, was angesichts der subtropischen Temperaturen auf 500 Meter Meereshöhe aber ganz angenehm war. Es war ein Trip mit den üblichen Verzögerungen: Zwei Stunden Verspätung des Fluges, und dann war der Typ mit den Jeep-Schlüsseln noch eine Stunde verschwunden. Aber irgendwann kam er und alles war gut – sofern man dieses Attribut bei den vorherrschenden Straßenverhältnissen verwenden möchte. Denn die “Straße” ist nagelneu und es ist noch nicht jeder Felsblock aus dem Weg geräumt. Sie wird in den nächsten Jahren noch weiter vorangetrieben: Ein Stromkonzern plant einen Damm, um den Arun aufzustauen und dafür benötigt man natürlich Straßen. Außerdem soll es eine Verkehrsverbindung zwischen China und Indien geben. Damit wird die Region des Makalu Barun Nationalparks und der Makalu Basecamp-Trek wohl eine touristische Blüte erleben. Mir graut bei der Vision eines Stausees mit Tretbootverleih, Chickencurrybude und Makalu-View-Sightseeing…

Aber noch ist die Region wesentlich unberührter als das erschlossene Khumbu-Gebiet Richtung Everest. Und das spüren wir auf Schritt und Tritt. Im kleinen Dorf Chichila war für die Jeeps Endstation. Ab hier geht’s zu Fuß weiter. Das heißt auch: umpacken der Ausrüstung, aufteilen der Lasten auf die Träger und übergeben der Spendenausrüstung. Die Hanwag-Bergstiefel gehen an diejenigen, die bis ins ABC mitgehen und dort bleiben, wie etwa der Koch und ein Guide. Eis, Schnee, Geröll: Das erscheint noch sehr, sehr weit weg. Hier in Chichila ist man mit Sandalen besser bedient.

Auch die nächsten Tage, die uns von 1500 m hinunter zum Fluß Arun (700m) und durch wunderschöne Urwälder wieder hinauf führen, sind sehr entspannt. Die Etappen sind relativ kurz; wir mit unseren leichten 10 Kilo-Rucksäcken können es genießen. Die Träger leisten für unsere Begriffe schier Unglaubliches! Sowohl was die transportierten Lasten betrifft als auch die Art und Weise, wie sie das tun: Sie befestigen einen Riemen am Gepäck und legen ihn sich um die Stirn. Damit heben sie sich die Last auf den Rücken. Ich habe einmal versucht, die Ladung unseres “Eiermanns” (ich weiß nicht, wieviele hundert Eier er mit sich schleppt!) mit dem Kopfriemen vom Boden wegzubekommen. Es gelingt mir zwar nach einigen Versuchen, aber ich renke mir dabei schier den Nacken aus. Keine Ahnung, wie die Jungs und Mädels (richtig: Es sind einige Frauen in der Trägermannschaft dabei!) das über Stunden hinweg bewerkstelligen und dabei so unglaublich trittsicher unterwegs sind.

Blümchen für Steffi

Langsam windet sich der Weg höher. Nach einigen Tagen wird es alpiner und wir stellen von leichten Halbschuhen auf
Bergstiefel um. Die erste alpine Etappe zum Shipton La auf 4200 m (La bedeutet “Pass”) führt nordseitig über Schneefelder hinunter. Die Berge liegen in Wolken. Theoretisch ist von hier aus der Makalu zu sehen. Aber selbst bei gutem Wetter ist es jetzt im Vormonsun sehr diesig. Wir wandern einem unsichtbaren, fernen Ziel entgegen. Das macht aber nichts, denn der Weg führt durch wilde Urwälder, entlegene Ansiedlungen mit sehr, sehr freundlichen Menschen und wunderschöne blühende Rhododendron-Wälder.

Spuren des Yeti?

Nein: Ein Träger auf dem Rückweg vom Shipton La...

Nach dem Abstieg ins Barun-Tal auf 3200 m folgen kurze, aber steilere Etappen, die uns ruckzuck höher bringen: 3600, 4400, 4900. Und schon sind wir in einer hochalpinen Wüste, umgeben von Schuttfeldern, riesigen Moränen und gewaltigen Eisbrüchen. Und alles überragt von der Sudwand des Makalu, der direkt vor uns aufragt. Ich lege den Kopf in den Nacken und blicke hinauf zum Gipfel, 3500 Meter höher. Der Westgrat begrenzt links des Berg, in dessen Ostseite sich vom eisigen Höhensturm die Wolken fangen. Dort oben bläst’s gscheit! Und da wollen wir hoch! Zwar nicht durch die monströse S-Wand, aber der Gipfel ist ja derselbe…

Luis, Joe und ich erkunden noch unseren weiteren Weg zum vorgeschobenen Basislager (ABC), den wir nach einem Ruhetag in Angriff nehmen. Er zieht sich end- und weglos an Moränenrücken entlang um den halben Berg herum, um dann nach Norden zum Chago-Gletscher abzubiegen. An der Gletscherzunge auf ca. 5650 Metern richten wir dann unser stationäres Basecamp ein.

Am Nachmittag haben wir eine kleine Akklimatisationstour bis zum ABC der britischen Expedition auf ca. 5600 m unternommen. Die Briten versuchen zum dritten Mal den SO-Grat. Wir drücken ihnen die Daumen, dass es diesmal klappt.

Nach sechs Stunden Gehzeit haben wir gestern unser ABC erreicht. Schnell die Zelte aufgebaut, Kopfschmerzen bekommen und ab in die Heia. Heute war großer Basteltag: Wir haben bei Neuschnee und knallendem Sonnenschein das Gemeinschaftszelt und die Infrastruktur eingerichtet: Elektrik, Solarpanels, Klohäuschen, Duschkabine… In den nächsten Tagen rücken wir dem Berg näher und werden das erste Mal die Steigeisen auspacken.

Makalu Südwand vom BC, vorne: Steffi, Klaus und Arthur

Wir sind unterwegs nach Kathmandu: Zwischenstop in Abu Dhabi

1. April 2010

Den freien WLAN im Airport Abu Dhabi nutze ich für ein kurzes Update. Mittlerweile sitze ich genau so lange am Flughafen wie zuvor im Flieger: seit fünf Stunden versuche ich mit erschöpfendem Nicht-Schlaf klarzukommen. Steffi, ebenfalls als Bergsteigerin mit dabei und von Beruf Ärztin, ist Nachtschichten gewohnt und hat mit Schlaf in den krummsten Lagen kein Problem.

Im gleichen Flugzeug wie unsere Truppe um den Expeditionsleiter Luis Stitzinger befindet sich noch echte Bergprominenz: Gerlinde Kaltenbrunner ist auf dem Weg zum Mount Everest, um ihren 13. Achttausender zu besteigen. Wir drücken ihr die Daumen – und uns natürlich noch mehr! :-)

Mehr über uns, die Expedition und unsere Truppe, erfahrt Ihr übrigens auch unter www.goclimbamountain.de.

Makalu Expedition 2010 – Der Countdown läuft

30. März 2010

Nach Wochen der Vorbereitung ist Tag X gekommen: Morgen geht’s los, Abflug nach Nepal, um den wunderschönen, 8463 Meter hohen Makalu zu besteigen. Die kommenden zwei Monate (und eigentlich auch schon das letzte halbe Jahr) stehen ganz im Zeichen des “großen Schwarzen”; so in etwa lautet die deutsche Übersetzung des Sanskrit-Wortes Makalu oder Mahakala.

Der Stress legt sich allmählich, es bleibt Zeit, sich bei bestem Frühlingswetter in München ins Café zu setzen und diesen ersten Blogeintrag zu schreiben. Ich werde versuchen, in den nächsten zwei Monaten regelmäßig Tagebuch zu schreiben. Heute München, morgen Hausham, in ein paar Tagen Kathmandu und dann…? Das Basislager am Makalu erreichen wir in zwei Wochen. Spätestens von dort sollte es möglich sein, sich vom Dachboden der Welt wieder mit dem Erdgeschoss via Satellit zu verbinden.

Seit gestern ist meine Ausrüstung komplett: Endlich kamen auch die Expeditionsstiefel meiner Wahl beim Sporthaus Schuster in München an. Diese sind unverzichtbar. Aber insgesamt habe ich viel zu viel Gepäck. Mal sehen, wieviel ich beim Check-In am Flughafen wieder rausschmeißen und meiner Freundin mit heim geben muss. Einen Teil der Berg- und Spendenausrüstung haben wir schon per Luftfracht vorausgeschickt: Insgesamt 684 kg!  Große Zelte, Firnanker, Seile, Karabiner – eben alles, was viel wiegt und was wir bis zum Basislager nicht benötigen. Zusätzlich Bekleidungsspenden, die unser Expeditionsteam – elf Bergsteiger aus Deutschland und Südtirol – bei Freunden und Verwandten gesammelt hat. Hanwag hat außerdem 50 Paar neue Bergstiefel spendiert: Diese kommen der Trägermannschaft zugute. Bayerische Bergschuhe für nepalesische Sherpa und eine deutsch-italienische Bergsteiger-Truppe: Die Makalu Expedition 2010 ist eine wahrlich multikulturelle Unternehmung…

Der Makalu von Südwesten und die Verpackung dazu. Foto: goclimbamountain.de

Hanwag in SAT.1

19. Oktober 2009

Neues ProTeam-Mitglied: Ursi Wolfgruber

15. Oktober 2009

portrait-wolfgruber

Ursi kommt eigentlich aus Berchtesgaden. Bergbegeisterung ist ihr in die Wiege gelegt. Weil sie aber auch reiselustig ist, studiert sie Geografie, und zwar in Innsbruck. Beim Bergsteigen wählt sie die härtere und kältere Gangart – von WI6 bis zu den ganz großen Kombitouren weltweit.